Der Fachbereich trauert um Prof. Dr. Michael Stolleis

Prof. Stolleis verstarb am 18.3.2021 nach kurzer schwerer Krankheit

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Michael Stolleis (1941-2021)

Der Fachbereich Rechtswissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main trauert um Michael Stolleis, der nach kurzer, schwerer Krankheit am 18.03.2021 in Frankfurt verstorben ist. Er war seit 1975 Professor für Öffentliches Recht und Neuere Rechtsgeschichte am Fachbereich, dem er auch nach seiner Berufung in das Amt des Direktors am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte im Jahre 1991 in Forschung und Lehre bis zuletzt eng verbunden blieb. Michael Stolleis hat die deutsche und europäische Rechtsgeschichte sowie das Öffentliche Recht maßgeblich geprägt. Mit der Geschichte des öffentlichen Rechts hat er ein neues Feld der rechtshistorischen Forschung national wie international eröffnet. Seine vierbändige Gesamtdarstellung, inzwischen in viele Sprachen übersetzt, ist eine eindrucksvolle Pionierleistung, die zugleich Maßstäbe gesetzt hat. Mit der 1974 veröffentlichten Münchner Habilitationsschrift über Gemeinwohlformeln im nationalsozialistischen Recht gehörte er zu dem damals noch kleinen Kreis mutiger Wissenschaftler*innen, die sich mit dem Recht und der Rechtswissenschaft dieser Zeit auseinandersetzen; auch danach blieb er dieser Aufgabe in seinen Forschungen treu. Dass dieser Kreis seither größer wurde, ist nicht zuletzt sein Verdienst. Aber auch Schicksale deutscher Juristen jüdischer Herkunft, die Geschichte des Sozialrechts, die Rechtsgeschichte der DDR und Osteuropas, sind vor allem durch ihn in das Blickfeld der Rechtsgeschichte geraten. Seine umfassende Gelehrsamkeit ermöglichte es ihm darüber hinaus, originelle Bezüge zu Literatur und Kunst herzustellen und sich in interdisziplinären Forschungsprojekten zu engagieren. Als Principal Investigator und später als assoziiertes Mitglied des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ hat er seit 2007 maßgeblich zum Erfolg dieses Forschungsverbunds beigetragen. Schließlich hat er sich um die engagierte Förderung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verdient gemacht. Für seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen wurde er mit höchsten Preisen und Auszeichnungen geehrt, u.a. dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland, dem Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste, dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Preis der Internationalen Balzan Stiftung und dem Hegel-Preis der Stadt Stuttgart. Er war Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Akademien des In- und Auslands, u.a. der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Leopoldina und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Mit Michael Stolleis hat der Fachbereich nicht nur einen bedeutenden Wissenschaftler verloren, sondern auch einen aufgeschlossenen und zugewandten Kollegen. Seine von jedem Dünkel und jeder Herablassung freie, dabei aber wissenschaftliche Ansprüche nicht preisgebende Haltung hat die Zusammenarbeit mit ihm leicht und vor allem vielen Jüngeren Mut zur Wissenschaft gemacht. In den siebziger und achtziger Jahren gehörte er zur Gruppe derjenigen, die für eine grundlagenorientierte Forschung und Lehre des geltenden Rechts eintraten und  im Fachbereich – gegen manche Widerstände – einen wissenschaftlichen Schwerpunkt in den Grundlagen des Rechts begründeten, der bis heute zu seiner nationalen und internationalen Reputation beiträgt. Als Direktor des Max Planck-Instituts hat er enge und produktive Beziehungen zum Fachbereich hergestellt und gepflegt. Durch seine vielfältige Mitwirkung in Gremien, Kommissionen, Beiräten und Vereinigungen innerhalb und außerhalb der Universität hat er den guten Ruf der Goethe-Universität gemehrt und die Kommunikation mit der Frankfurter Stadtgesellschaft intensiviert.

In Dankbarkeit und Trauer verabschieden wir uns von ihm. Wir werden sein Andenken in höchsten Ehren halten.

 

Klaus Günther