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Jul 11 2022
12:12

Ehrendoktor Paolo Grossi verstorben

Am 4. Juli 2022 ist der italienische Rechtshistoriker Paolo Grossi verstorben. Er war dem Fachbereich Rechtswissenschaft der Goethe Universität eng verbunden und ist von dieser im Jahr 1989 mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet worden.

1933 in Florenz geboren, studierte Grossi ab 1951 in einer Zeit, die er selbst als von einem erdrückenden Legalismus und Etatismus geprägt empfand. Umso mehr faszinierten ihn die italienischen Rechtsdenker und Rechtshistoriker Santi Romano, Emilio Betti und Francesco Calasso. Grossis Analysen des mittelalterlichen ius commune, aber auch seine Arbeiten zur Kodifikationsgeschichte und zur Rechtswissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts, sind im Licht der Kritik an dem geschrieben, was er als juristischen Monismus, zuletzt auch als „juristischen Absolutismus“ der Moderne bezeichnete. Dieser Auseinandersetzung widmete er seine Lehr- und Vortragstätigkeit und sein institutionelles Wirken, erst an den Universitäten in Siena und Macerata, seit 1966 wieder in Florenz. Mit den Quaderni fiorentini per la storia del pensiero giuridico moderno sowie dem Centro di studi per la storia del pensiero giuridico moderno begründete er dort zwei Institutionen, die zu intellektuellen Referenzpunkten der internationalen rechtshistorischen community wurden.

Zahlreiche Ehrungen zeugen von der weltweiten Anerkennung, die ihm zu Teil wurde. Sein Renommee und der Gegenwartsbezug seines rechtshistorischen Werks dürften dazu beigetragen haben, dass er im Jahr 2009 zum Richter am italienischen Verfassungsgerichtshof, 2016 zu dessen Präsident ernannt wurde. Auch in diesem Amt leitete ihn die Überzeugung, dass nur eine prinzipienorientierte Rechtsordnung Zukunft haben werde, die sich nicht in erster Linie auf Normsetzungsakte, sondern auf praktische Rechtsprechung und Rechtswissenschaft stützt. Auch das Recht einer globalisierenden Welt bedürfe, so hob er in einer Festrede aus Anlass der Einweihung des Neubaus des Gebäudes des Max-Planck Instituts für europäische Rechtsgeschichte auf dem Campus Westend der Goethe Universität im September 2013 hervor, „elastische Quellen, die sich seismographisch der Bewegung und Veränderung anpassen“ (266). Solchen Quellen, den Richtern und der Rechtswissenschaft, habe sich das europäische Recht bislang anvertraut und – so schloss er seinen Blick auf das Vermächtnis der europäischen Rechtsgeschichte für die Gegenwart – von dieser rechtlichen Botschaft könne auch das globale Recht lernen. Der Fachbereich Rechtswissenschaft trauert um einen großen Rechtshistoriker und Rechtslehrer.

Prof. Dr. Thomas Duve