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Peter Arnold Heuser, Jean Matal. Humanistischer Jurist und europäischer Friedensdenker (um 1517-1597), Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2003 XII, 566 Ss.

Der Alciat-Schüler Jean Matal (Ioannes Metellus Sequanus) aus Burgund hat als junger Mann in freundschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Spanier Antonio Agustín, von dem er sich 1555 trennen wird, höchst beachtliche Beiträge zur Erfassung und Erforschung griechischer und lateinischer juristischer Handschriften geleistet und ist dadurch für die Geschichte humanistischer Bemühungen um den rechten Text der Hauptquellen unserer Kenntnisse vom justinianischen und nachjustinianischen weltlichen und kirchlichen Recht von höchster, noch längst nicht ausreichend erforschter Bedeutung. Er war auch Begleiter und Helfer Agustíns, als dieser im Frühjahr 1542 mehrere Monate in Florenz  den Codex Florentinus Digestorum kollationierte und ist damit sowie als Informant und Korrespondent von Lelio Torelli insbesondere auch in die Editionsgeschichte der Digesten eingegangen. In "Graeca leguntur" (Köln 1971) S. 297 f wurde er auf Grundlage des damals nur in der Edition von 1804 vorliegenden Agustín-Epistolariums leider nur als Randfigur und irrtümlich als "Italiener" behandelt - was unverzeihlich bleibt, denn immerhin hatte doch Juan Andrés in der Einleitung S. 44-59 der Epistolae-Edition von 1804 eine schöne Lebensbeschreibung des burgundischen Gelehrten gegeben.

Die moderne Matal-Forschung beginnt erst vier Jahre später mit dem an ziemlich versteckter Stelle, nämlich in den Studies ... in honour of Graham Pollard (Oxford 1975) publizierten, aber enorm wichtigen Aufsatz "The iter italicum of Jean Matal" von Anthony Hobson, der die äußere Beschaffenheit und den Inhalt des bis dahin kaum beachteten Manuskriptes Add. 565 der Cambridge University Library, nämlich (einige Anlagen nicht gerechnet) 359 Quart-Blätter autographer Arbeitsnotizen von Matals italienischer Reise 1542-1546 höchst sachkundig beschrieb - nicht ohne dabei einleitend zu erwähnen, daß "...Graeca leguntur ... gives a helpful account of the study of Byzantine law in the 16th century". Der Band besteht aus 35 jetzt zusammengebundenen Stücken höchst unterschiedlichen Umfangs, die zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten in ganz unterschiedlicher Schrift und auf ungleichem Papier, aber fast ausnahmslos von Matal selbst geschrieben wurden. Die berühmtesten Stücke sind ff 1-48 der Index bibliothecae publicae graecae Vaticanae, ff. 136-155 der Index bibliothecae Iac. Hurtadi Mendozae und ff. 178-283 die Auflistung der griechischen Handschriften der Bibliotheca Mediceo-Laurenziana nebst umfangreichen Notizen, Summarien und Inhaltsangaben zu einzelnen Titeln. Matal war der erste Gelehrte, der die griechischen Handschriften der Laurenziana benutzte.

Gleichfalls 1975 publizierte Cándido Flores Sellés in einer rechtshistorischen Schriftenreihe der Universität von Granada neben 19 Briefen Matals auch dessen juristische Opuscula duo, insbesondere das opusculum de legibus sowie nach einer von ihm in Madrid entdeckten Handschrift den auch in der Cambridger Handschrift enthaltenen Katalog griechischer Handschriften der Mediceo-Laurenziana. Fünf Jahre später (Salamanca 1980) publizierte derselbe spanische Gelehrte das Epistolario de Antonio Agustin, in dem die Matal-Briefe vollständiger und besser kommentiert nochmals enthalten sind. Für eine wichtige Teilgruppe der Matal-Briefe, nämlich seine Briefe an Lelio Torelli , findet sich die jetzt maßgebliche und in jeder Hinsicht nochmals entscheidend verbesserte Edition in der 1992 erschienenen Correspondance de Lelio Torelli avec Antonio Agustín et Jean Matal (1542-1553) von Jean-Louis Ferrary mit 12 Briefen Matals an Torelli und 5 Gegenbriefen. Aus diesem reichen und nun gut zugänglichen Material konnte der Historiker Peter Arnold Heuser, der mit seiner dem jetzt vorliegenden Buche gegenüber nochmals umfangreicheren Matal-Studie im Jahre 2002 in Bonn zum Dr. phil. promoviert wurde, für seine Erforschung und Darstellung der Jahre der Zusammenarbeit Matals mit Agustín und Torelli schöpfen.

Was dabei herausgekommen ist, nämlich der Abschnitt A: "Jean Matal, die humanistische Jurisprudenz und die Ausdifferenzierung der altertumswissenschaftlichen Fächer um 1550" (S. 25-194) stellt alles, was der deutsche rechtshistorische Forschungsbetrieb der beiden letzten Jahrzehnte zur humanistischen Jurisprudenz des 16. Jahrhunderts beigetragen hat, weit in den Schatten und bewegt sich durchweg auf dem Niveau, das die diesbezügliche Forschung in Italien, Frankreich und den Niederlanden  durch Maffei, Ascheri, Caprioli, Ferrary, van den Bergh, Stolte, Wallinga und andere erreicht hat. Die wichtigsten Unterabschnitte dieses Abschnitts A behandeln S. 69-88 die "Quellenstudien zum römischen und byzantinischen Recht" und S. 89-129 Matals epigraphische Sammlungen und Forschungen der Jahre 1546-1551, die unter den Signaturen Vat. lat. 6034, 6037-1640 fünf Manuskript-Bände der Bibliotheca Vaticana ausmachen und Matals Rolle und Bedeutung als Mitbegründer der wissenschaftlichen Epigraphik ausweisen. Aus breit angelegter Quellen- und Literaturkenntnis und mit sicherem Gespür für die Grundfragen gelangt Heuser zu m. E. durchweg richtigen Einschätzungen. Wenn er von mos gallicus spricht und Gelehrte wie Jacques Cujas und Pierre Pithou als "mos gallicus-Juristen" etikettiert, verwendet er den Begriff mos gallicus mit ausdrücklichem Bezug auf meinen Beitrag "Zur humanistischen Jurisprudenz" zur Heimpel-Festschrift 1972 "als Bezeichnung für die vornehmlich französische Alciatschule" und keineswegs im Sinne der "längst als Legende entlarvten" älteren mos gallicus-mos italicus-Antithetik (S. 54 N. 2), und mit Recht widerspricht er  S. 174 und öfter auch der immer wieder verbreiteten Behauptung der Praxisferne humanistischer Jurisprudenz. In der delikaten, von mir Graeca leguntur S. 47 N. 132 und in der von Heuser S. 82 N. 1 erwähnten Studie von 2002 mit non liquet beantworteten Frage, ob Matal der in Francesco Torellis Vorwort zur Editio Taurelliana Digestorum erwähnte quidam bonus vir ist, der für Hugo a Portas Digestenausgabe von 1551 vertrauliches Material beigesteuert habe, hält er sich S. 145 N. 4 (und nochmals S. 291 N. 5) klug zurück. Der Abschnitt A des großen Buches kann für sich genommen summa cum laude als rechtshistorische Forschungsleistung ersten Ranges bestehen.

Die Abschnitte B "Neuorientierung: Matal in den südlichen Niederlanden (1556-1562)" und C "Matal in Köln (1563-1597)" zeichnen auf weiteren 275 Seiten mit gleicher Gediegenheit und Gründlichkeit die Züge des "europäischen Friedensdenkers" und "konfessionellen Irenikers". Damit ist das Buch insgesamt in der Tat "keine rein rechtsgeschichtliche Arbeit, sondern zugleich ein Beitrag zu den Friedensdiskursen des frühen konfessionellen Zeitalters, eine Studie zur sogenannten Irenik, zu den konfessionellen Ausgleichsbemühungen im Zeitalter der Glaubensspaltung" (S. 5). Im Zentrum des Interesses Heusers steht dabei "jener Irenikerzirkel, der sich seit den 1540er Jahren am Niederrhein um den Niederländer Georg Cassander gruppierte, ... in den sich Jean Matal im Frühjahr 1563 integrierte."

Jean Matal war nämlich nach der Englandreise von 1555, die er als Begleiter von Antonio Agustín angetreten hatte, der seinerseits als päpstlicher Sondernuntius anläßlich der habsburgisch-englischen Königshochzeit Philipp und Maria von 1554 unterwegs war, aus wahrscheinlich auch persönlichen Gründen nicht nach Rom zurückgekehrt. Mit dem Verlust seiner gesamten Vorarbeiten und Materialien, aller seiner Aufzeichnungen, Sammlungen und Bücher, die in Rom verblieben waren und von Agustín mit und ohne Erwähnung der Verdienste Matals benutzt wurden, endet die Karriere Matals als Sammler, Erforscher  und Herausgeber der manuscripta juridica graeca. Mit weiteren Beiträgen zur wissenschaftlichen Epigraphik, mit seinen Studien zum Corpus agrimensorum Romanorum von 1564, durch seine Unterstützung von Editionsprojekten und in seiner Kooperation mit Antikensammlern und Antiquaren am Niederrhein ist er weiterhin altertumswissenschaftlich tätig, bis er endlich beruflich mehr und mehr das wird, was der Untertitel von Heusers Dissertation mit den Worten "Verlagsberater und Atlaskartograph" bezeichnet. Der Weltatlas Speculum orbis terrarum und andere von  Matal herausgegebenen Atlanten und Reiseführer, die drei Jahre nach seinem Tod nun auch unter seinem Namen1 in Köln und in Oberursel zu erscheinen beginnen, haben heute hohen und höchsten Seltenheits- und Sammlerwert. Zu deren Entstehung und zu vielen weiteren Aktivitäten Matals werden durch Heusers auch insoweit überaus umsichtig recherchierte und übersichtlich ausgebreitete Materialen sehr viele hochinteressante Einzelheiten erstmals beleuchtet, oftmals auch erstmals bekannt.

Aber zum eigentlich Thema Heusers wird nun mehr und mehr Matals Anteil an der Suche humanistischer Gelehrter des Cassander-Zirkels nach einem Ausgleich zwischen den Konfessionsgruppen, der bekanntlich nicht zustandekam. Der gute Wille, der nichts bewirkt, bleibt gleichwohl ungebrochen. Auch das Scheitern seiner Friedensinitiative vom Frühjahr 1575 (S. 430 ff) bedeutete "nicht das Ende von Matals Bemühungen, zur Befriedung der spanischen Niederlande beizutragen". Der Rezensent dieser Zeitschrift kann hier leider nicht ins einzelne gehen2. Dies gilt auch für Heusers erhellendes Kapitel über einige der eher dunklen Seiten des burgundischen Adligen, nämlich dessen "politisches Engagement" in seinen "politischen Korrespondenzen" mit dem Kaiserhof und mit anderen, wobei für seine Aktivitäten im "Nachrichtengeschäft" der Standort "Köln als Knotenpunkt des europäischen Nachrichtenverkehrs" von großem Vorteil war.

Welcher Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Thematiken der Abschnitte A und C besteht, wird im Rahmen des Unterabschnitts "Matal und die späte via media am Niederrhein" (S. 411 ff) deutlich gemacht. "Als Zasius- und Alciati-Schüler dokumentiert Matal zugleich in exemplarischer Weise die enge Verbindung, die zwischen dem aequitas-Denken des römischen Rechts und der antiken Moralphilosophie, das in der Reformschule Alciats und des mos gallicus von Bourges eine Renaissance erlebte, und dem moderatio-Denken besteht, das die erasmischen Ireniker bis hin zu Cassander und Witzel auszeichnet"3. Hier tut sich in der Tat ein "interessantes Forschungsfeld" auf: "Die Wechselwirkungen, die zwischen dem prononcierten aequitas-Denken der mos gallicus-Juristen und dem moderatio-Denken der erasmianischen Ireniker auftraten, verdienen die Aufmerksamkeit aller, die künftig die französische Mittelpartei der so genannten politiques oder moyenneurs in den Blick nehmen ..." (S. 412).

Im kurzen Abschnitt D (S. 441 ff) zeichnet Heuser unter dem Motto Vir omni scientiarum genere praestans zusammenfassend Matals Stellung in der res publica litteraria Mittel- und Westeuropas. Es folgen S. 543 ff die umfangreichen und sehr ergiebigen Quellen- und Literaturverzeichnisse. Das Personenregister, das jede Namensnennung auch in den Fußnoten erfaßt, erlaubt eiligen Benutzern die raschen Zugriffe auf die gesuchten Details.

Ein auch ausstattungsmäßig (es hat sogar Fadenheftung) bis in die letzten Einzelheiten gelungenes Buch
.
1 Anonym sind sie seit 1594 im Druck (S. 388ff). Die atlaskartografische Zuarbeit Matals für Gerhard Mercator und Abraham Ortelius hat damals ebenso wie seine Mitarbeit an den Civitates orbis terrarum von Braun/Hogenberg schon eine jahrzehntelange Tradition.

2 Die Irenik des Cassander-Zirkels erlebte eine Rezeption im Kreis um Justus Lipsius, im Leidener und Helmstedter Späthumanismus, bei Hugo Grotius, bei den Pariser Libertins um die Gebrüder Dupuy, später dann bei zentralen Figuren der europäischen Aufklärung.  Sie leistete somit  einen durchaus wichtigen Beitrag zur Geschichte des Toleranzdenkens in Europa, das seinerseits zum wertvollsten Erbe der europäischen Geistesgeschichte gehört.

3 Das irenische Engagement Matals zeugt somit auch von der Praxisrelevanz der humanistischen Reformjurisprudenz im 16. Jahrhundert, zugleich von der vielfältigen kulturellen Innovationskraft des mos gallicus, die weit über das spezifisch Juristische hinausgeht.

4 Eine wichtige Ergänzung des hier besprochenen Buches ist Heusers Aufsatz The Correspondence and Casual Poetry of Jean Matal (c. 1517-1597): A Preliminary Inventory, in: LIAS. Sources and Documents relating to the Early Modern History of Ideas 30/2 (2003), S. 211-296. Mit dieser Quellenübersicht werden die einleitend  erwähnten Quellenforschungen von Juan Andrés, Cándido Flores Sellés, Jean-Louis Ferrary u.a. weitergeführt.

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geändert am 01. März 2010  E-Mail: WebmasterTroje@jur.uni-frankfurt.de

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Druckversion: 01. März 2010, 09:50
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