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Normativ konstruierte Texte am Beispiel von Recht und Mathematik im Alten Ägypten

Birgit Jordan (Frankfurt)

Ein einzigartiges Dokument aus der Spätphase der altägyptischen Geschichte in demotischer Schrift und Sprache vereint auf der Vorderseite einen Rechtstext (den sog. Codex Hermopolis, 3. Jh. v. Chr.) mit einer auf der Rückseite ü­berlieferten mathematischen Aufgaben- und Lösungssammlung. Mich interessiert daran der Zusammenhang beider Texte, und davon ausgehend allgemeiner von Recht und Mathematik, wie sie sich in der ägyptischen Überlieferung darstellen. Abgesehen von verstreuten Mutmaßungen vor allem von ägyptologischen Fachkollegen steht eine systematische Untersuchung dieser Frage noch aus. Dabei geht es mir nicht in erster Linie um eine inhaltliche Rekonstruktion ägyptischen Rechts und ägyptischer Mathematik, sondern der diesen zugrunde liegenden rationalen Struktur und ihrer Ausgestaltung bei der Herausbildung eines frühen normativen Ordnungssystems. Ziel soll die Diskussion, Erprobung und Bereitstellung von Kriterien sein, die über die Feststellung von Ähnlichkeiten bzw. Differenzen hinaus die Formulierung belastbarer Hypothesen erlauben und sich idealerweise auch auf Texte anderer Kulturkreise anwenden lassen. Auch in historischen Wissenschaften sind Falsifikationen im Sinne Poppers möglich - das „Vetorecht der Quellen“ (Koselleck) kann sich dort geltend machen, wo die Bearbeitung über die Beschreibung des Gegenstandes hinausgeht

Beide Textsorten bieten für ihr Gebiet Prozeduren an, die bei gegebenem Input nachvollziehbar eindeutige Ergebnisse liefern. Das leuchtet auf den ersten Blick für mathematische Texte eher ein als für rechtliche Bestimmungen. Die Prozeduralität der Mathematiktexte lässt sich besonders augenfällig zeigen, wenn sie als symbolische Algorithmen wiedergegeben werden, die bei minimalem Dateninput eine begrenzte Menge an Operationen vorgeben, an deren Ende ein eindeutiges Ergebnis, häufig gefolgt von einer Proberechnung, steht. Ob die kasuistisch aufgebauten Rechtsbücher, die ihre Fälle in Konditionalkonstruktionen aneinanderreihen und ineinander verschachteln, sich ebenso überzeugend in eine algorithmische Struktur auflösen lassen, ist noch zu untersuchen. Starke Ähnlichkeiten in beiden Textsorten deuten jedenfalls auf eine präsupponierte „Berechenbarkeit oder Programmierbarkeit der Welt“ oder wenigstens der geregelten Materien hin. Aber auch die sorgfältige Untersuchung von Äußerlichkeiten wie der Disposition der Texte auf den Textträgern, der Grammatik und Verweistechnik, dazu der Semantik der jeweiligen Fachsprachen, erlaubt eine uns möglicherweise unvertraute, den antiken Quellen jedoch gerecht werdende Korpusbildung.

Der je spezifische Geltungsanspruch dieser Texte müsste sich in ihrer normativen Konstruktion widerspiegeln, die auf die Rechtfertigung ihrer Verbindlichkeit implizit oder explizit verweist. Dabei bietet ein Überblick, wie der „Codex Hermopolis“ vorschreibende und beschreibende Formen verwendet, bereits jetzt überraschende Zwischenergebnisse. Möglicherweise wird sich das Korpus normativ konstruierter Texte unter Absehung vom Inhalt bereits aufgrund der rekonstruierten algorithmischen und grammatikalischen Struktur dann noch sinnvoll erweitern lassen.

Betreuerin: Prof. Dr. Friedhelm Hoffmann, LMU München

 

geändert am 04. Oktober 2011  E-Mail: Webmastergrotkamp@jur.uni-frankfurt.de

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Druckversion: 04. Oktober 2011, 10:10
http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb01/imprs/kollegiat/jordan.html