Hermann Heimpel

Hermann Heimpel (1901 - 1988):
"Da krabbeln sie nun wie die Ratten auf der Keule des Herkules"(Karl von Moor)

 
1) Vorbemerkung
2) Zwei Vorreden zu Vorlesungen 1933
3) Nachbemerkung
4) Nachtrag April 2000
5)  Gratulationsliste
6) Ansprache zur Trauerfeier

1) Vorbemerkung

Hermann Heimpel hat durch seinen von Heidegger (vgl. unten) übernommenen "Aufruf zum verbindlichen Fragen" unzählige Menschen, die ihrerseits (wie beispielsweise Reinhard Elze und Arnold Esch) schon wieder durch die Zeitspanne einer Generation von einander getrennt sind, tief beeindruckt, entscheidend geprägt und nachhaltig gefördert. Als "Anruf an uns selbst" hat dieser "Aufruf zum verbindlichen Fragen" ihn seither begleitet, sein Leben und Wirken mehr und mehr bestimmt und am Ende bekanntlich verdüstert. Er gehörte seit Beginn der fünfziger Jahre bis zu seiner Emeritierung (1966) zu den bekanntesten, einflußreichsten und am höchsten angesehenen Geisteswissenshaftlern der Bundesrepublik Deutschland. Einen ersten Eindruck von der Vielfalt und Eigenart der Menschen, die ihn kannten und schätzten, bietet die Liste der  267 Gratulantenin der dreibändigen Festschrift zu seinem siebzigsten Geburtstag. Er war u a. mit Theodor Heuß befreundet, dessen Größe sich schließlich auch noch darin zeigte, daß er sich in Heimpel einen Nachfolger wünschte, der das von ihm geschaffene Ansehen des höchsten Staatsamtes tatsächlich hätte bewahren und mehren können. Alles, was ihn (Heimpel) hinsichtlich Ausstrahlung, Begabung, Biographie und Charakter einst dafür ausgezeichnet hat, ließ ihn jetzt zum bevorzugten Opfer einer sogenannten "Vatermord"-Kampagne werden, die freilich wie auch sonst bei der NS-Aufarbeitung weniger von  "Söhnen" und "Töchtern" als (mit deren Rückendeckung?) von "Enkeln" betrieben wird. Diese  werden damit vielleicht Karriere machen (einige sind wirklich Opportunisten, was Heimpel nie war), aber gewiß nicht zur erstrebten Unabhängigkeit von ihren "Vätern" gelangen.

Heimpel war ferner auch mit Werner Heisenberg freundschaftlich verbunden, dessen für Heimpels Entnazifizierungsverfahren erstattetes Gutachten vom 23. 5. 1946 in der inzwischen zugänglichen Akte im Niedersächsischen Hauptstaatsarchiv aufbewahrt ist

"Ich kenne Herrn Heimpel durch die lange Zeit gemeinsamer Arbeit an der Universität Leipzig; insbesondere war ich mit ihm durch eine kleine Gruppe von Kollegen, die zu Vorträgen und Diskussionen regelmäßig zusammentraten, freundschaftlich verbunden. Ich weiß aus vielen Gesprächen, daß  Herr Heimpel die politische Entwicklung in Deutschland seit 1933 mit der größten Sorge verfolgt hat und daß die Ideologien und Schlagworte der damaligen Regierung auf ihn nicht den geringsten positiven Eindruck gemacht haben. [...] Herr Heimpel hat in allen Fällen, die mir bekannt sind, die Sache der Wissenschaft und die Sache des Rechtes gegenüber den Angriffen der sogenannten Weltanschauung und der Gewalt vertreten."
 

Zur Biographie Heimpels vgl. außer seinem Buch "Die halbe Violine" (zuerst Stuttgart 1949, später Insel- und Suhrkamp-Verlag, mehrere Ausgaben) und "In memoriam Hermann Heimpel", Gedenkfeier am 23. Juni 1989 in der Aula der Georg-August-Universität, Göttingen 1989 zunächstHartmut Boockmann, Der Historiker Hermann Heimpel, Göttingen 1990 und Ernst Schulin, Hermann Heimpel und die deutsche Nationalgeschichtsschreibung, Heidelberg 1998 sowie die von Sabine Krüger posthum edierten "Nachklänge" (Göttingen 1990, Privatdruck) und "Aspekte" (Göttingen: Wallstein 1995). Zur Biographie von Elisabeth Heimpel geb. Michel (1902 - 1972) vgl. einstweilen Traudel Weber-Reichs Beitrag  in dem von ihr herausgegebenen Band "Des Kennenlernens werth". Bedeutende Frauen Göttingens, Göttingen: Wallstein 1993, S.303-319 und BoockmannaaO Anmerkung 17 auf S. 50. Biographisches über Heimpel auch in zwei Büchern (Heinz Duchhardt 1993 und Michael Matthiesen 1998) über seine Freundschaft mit Arnold Berney  Vgl. auch Patrick Bahners, "Durch Mitschuld wissend. Hermann Heimpels deutsche Geschichte", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 1. 12. 1998 Seite L 19.

Ein Verzeichnis der "Veröffentlichungen von Hermann Heimpel" in "Festschrift für Hermann Heimpel zum 70. Geburtstag am 19. September 1971", Dritter Band, Göttingen 1972, S. 713 - 731; für die Veröffentlichungen 1972 - 1988 siehe H. E. Troje, "In memoriam Hermann Heimpel", in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abtlg., Band 107 (1990) S. 718 -721

Das publizierte Verzeichnis der "Veröffentlichungen" in der Festschrift 1972 enthält die hier eingerückten und neuerdings vielzitierten "Zwei Vorreden zu Vorlesungen" von 1933 , die nur als Privatdruck an Freunde und einige Kollegen verteilt und somit nicht  "veröffentlicht" wurden, richtigerweise nicht. Diese "Vorreden", die teilweise in andere damals veröffentlichte Reden und Aufsätze Heimpels eingegangen sind, sind Teil der Ereignisse des Freiburger Sommersemesters und stellen insoweit Heimpels Reaktion auf und Auseinandersetzung mit Heideggers Rektoratsrede "Die Selbstbehauptung der deutschen Universität" dar (zu dieser und deren Ausstrahlung auf das Umfeld vgl. Hugo Ott, Martin Heidegger. Unterwegs zu seiner Biographie, Neuausgabe, Frankfurt 1992, S. 131 ff;  die am 27. 5. vorgetragene Heidegger-Rede war im Umfeld zumindest inhaltlich bereits vorher bekannt). Der Einfluß Heideggers auf Heimpel ist vielfältig belegt  In seinem Aufsatz "Rudolf Stadelmann und die deutsche Geschichtswissenschaft" (Historische Zeitschrift 172, 1951; jetzt in "Aspekte" S. 202 - 223) beschreibt Heimpel, wie diejenigen, die mit ihm "den Aufstieg der Philosophie Heideggers und die Macht seiner Persönlichkeit erlebten", Heideggers "Angriff auf den 'Betrieb' der Wissenschaft als einen Aufruf zum verbindlichen Fragen, als einen Anruf an uns selbst [...] empfanden" (S. 210).  In seinem Beitrag "Der gute Zuhörer" zu Günther Neskes Sammelband "Erinnerungen an Martin Heidegger", Pfullingen 1977, hat Heimpel mehr die Bedeutung Heideggers im Leben seiner Frau, die Heidegger seit mindestens 1923 näher kannte, akzentuiert.  Ob aber die durch sie und ihre/seine Freunde Stadelmann und Schadewaldt vermittelten Heidegger-Ausstrahlungen stärker und wichtiger waren als der direkte Einfluß Heideggers auf ihn, ist eine falsch gestellte und deshalb unentscheidbare Frage. Als Franz Böhm im Oktober 1945 als Freiburger Prorektor gegen eine damals möglich scheinende Reintegration Heideggers intervenierte, war sein Hauptargument, Heidegger habe viele jüngere Gelehrte auf die schiefe Bahn geführt. Die dabei von ihm genannten, von Hugo Ott (aaO S. 307) hervorgehobenen Namen sind: Stadelmann, Heimpel, Schadewaldt. (Nebenbei: gleichzeitig und in fast unmittelbarer Nachbarschaft entstanden Heideggers und Heimpels Häuser auf dem legendären "Rötebuck"  in Freiburg-Zähringen.)

Im Mittelpunkt der ersten Vorrede Heimpels steht die Verteidigung der "seelischen Grundlagen aller Wissenschaft", nämlich "Freiheit und Mut", die im "Raum der Furcht vor der Macht..., da dem Menschen der Mut sinkt und die Seelen verbogen werden von der Feigheit" abhanden kommen. Ein Benutzer und Kommentator der Heimpel-Vorreden dürfte sich nicht darauf beschränken, die aus heutiger Sicht offensichtlichen Verkennungen der Situation anzuprangern, sondern müßte die Anspielungen auf die Heidegger-Rede aufdecken und entschlüsseln und Heimpels Abgrenzungen von Heideggers Weg der "Selbstbehauptung der deutschen Universität" und vom Nationalsozialismus generell näher herausarbeiten. Das Motto "Den Freunden ist alles gemeinsam" bezieht sich wohl in erster Linie auf den Freund Rudolf Stadelmann, der sich noch weit mehr als Heimpel auf den Heidegger von 1933 eingelassen und noch weit intensiver mit ihm sich auseinandergesetzt hatte - vgl. dazu sehr eindringlich Hugo Ott, Martin Heidegger,  insbesondere das Kapitel über das "Wissenschaftslager" Todtnauberg vom 4. bis 10. Oktober 1933  Die von Ott behandelten Briefe Heideggers an Stadelmann finden sich jetzt als Nr. 93, 97, 179, 181, 183 und 187 in Band I 16  ("Reden und andere Zeugnisse eines Lebensweges") der Heidegger-Gesamtausgabe, Frankfurt: Klostermann 2000. Im gleichen Band (Nr. 196) auch der Kondolenzbrief Heideggers an Frau Stadelmann vom August 1949.


1933

 2) Zwei Vorreden zu  Vorlesungen

            Den Freunden ist alles gemeinsam

Mai

Wir beginnen die Arbeit dieses Sommers in Erschütterung vor dem Antlitz der Geschichte selbst. Denn in diesen vergangenen Ferien ist Geschichte geschehen; und der Historiker kann nicht an die Arbeit des Tages gehen, ohne wenigstens in der Stimmung des Augenblicks den Mantel der Geschichte in der Gegenwart zu fassen, den er in der Vergangenheit so oft vergeblich zu greifen sucht.

Es ist geschehen, dass der Wille der Deutschen in einem Grade auf einen gemeinsamen Weg aus der Not der verewigten Niederlagen sich geeint hat, wie es seit der ersten Zeit der Bismarckschen Kanzlerschaft und ausserhalb der Schlachtfelder des grossen Krieges nicht mehr erhört war.

Es ist geschehen, dass die deutsche Nation die alten Parteiformen von sich warf, deren wechselnde Gleichgewichte dem Staatsleben keine Impulse mehr gaben, sondern den ändernden Willen fesselten.

Es ist geschehen, dass das deutsche Volk auch jenes ewig scheinende Equilibrium von Kapital und Arbeit angriff, das in seiner hoffnungslosen Verewigung bestehender Zustände die Wirtschaftsinitiative ebenso hemmte wie es die Verzweiflung der Ausgeschlossenen immer hoffnungsloser anwachsen ließ. Die Lehre vom Klassenkampf, die emporgewachsen war im Streit gegen die erbarmungslose Ausbeutungsfreiheit des jungen Industrialismus, und deren zerstörerisches Misstrauen gegen die Anliegen des nationalen Staats wir rückschauend mitbegreifen aus jenem der heutigen Generation unvorstellbaren Bündnis des alten Staates und der alten Kirchen mit den Interessen der bevorzugten Schichten, sie soll überwunden werden durch einen idealistischen Staatssozialismus, der das Interesse der Klassen hinter dem Interesse der Gesamtnation ebenso verschwinden zu lassen gesonnen ist wie den jahrhundertealten Kampf der Konfessionen.

Die Länder des Deutschen Reichs haben faktisch ihren Staatscharakter verloren. Mehr als alles andere bewegt den Historiker diese Tat auf dem Wege der deutschen Einheit, dieses Streben auf ein Vorwärts in der nur halb erfüllten Sehnsucht unserer Grossväter.

Soviele aus der Geschichte überkommene Wünsche, so viele - ich sage nicht: Erfüllungen, aber so viele Hoffnungen auf den jungen deutschen  Staat. Wo wirkliche geschichtliche Macht gewonnen wird, und wo diese Macht dient geschichtlich gesetzten Aufgaben, da ist auch geschichtliches Recht gewonnen, und eben dies verpflichtet zur inneren Anerkennung.

Die grossen Ereignisse des März haben auf unsere Arbeit einen neuen Ernst gelegt. Den Ernst einer jederzeit wachen Verantwortung gegen das Wohl des deutschen Menschen, gegen das geschichtliche Schicksal, an dem jeder von uns mitschuld und mitverdient ist und das die Seele in Hoffen und Miterleiden keine Stunde mehr ruhen lässt.

Die Geschichtswissenschaft empfängt ihre Themen immer von Neuem von der Geschichte selbst. Darum beginnt auch für den Historiker heute eine neue Zeit. Wer mich kennt, weiss, dass damit nicht gemeint ist ein Streben nach vulgärer Zeitgemässheit und eilfertiger Aktualität; es gibt einen ewigen immanenten Wissenschaftszusammenhang der Fragen und der Methoden, und das Abreissen gelehrter Kontinuität wäre nichts als Selbstaufhebung der Wissenschaft. Wohl aber lässt uns das Erlebnis grosser geschichtlicher Ereignisse uns rückbesinnen auf die entscheidenden Fragen der Geschichte, die allemal auch die ewigen Fragen sind; in diesem Sinne brauchen wir nicht zu fürchten, dass uns die Zeit die Fragen gewissermassen wider Willen aufzwingt. Sie bringt die Fragen, auf die es immer ankam, wieder hervor. Freilich aber, wir können der Zeit und dem Vaterlande mit der Wahrheit nur dienen, wenn die seelischen Grundlagen aller Wissenschaft von uns bewahrt werden, Freiheit und Mut. Freiheit, wie ich sie verstehe, meint dabei nicht verantwortungslose Betätigung des Witzes ohne den Blick auf die Folgen des Urteilens für das Ganze. Aber es gibt eine Grenze, von der ab der urteilende Einzelne das Gefühl für Wahrheit und Richtigkeit, das ihm aus der Erziehung seiner Jugend heilig ist, unter allen Umständen und mit der Bereitschaft zum Scheitern verteidigt, und es gibt einen Raum der Freiheit, den der Denker nicht verlassen kann ohne sich selbst aufzugeben, ohne jenen anderen Raum der Furcht vor der Macht und vor der Nachrede zu betreten, den Raum, da dem Menschen der Mut sinkt und die Seelen verbogen werden von der Feigheit. Wissenschaft, die nicht besteht ohne Ehrfurcht und Bewunderung, ist doch auch nicht denkbar ohne Zweifeln, Prüfen, Erwägen des Verschiedenen; sie braucht den Raum der Diskussion. Sie ist nicht dazu da, vorhandene mächtige Dogmen nur mit ihren Mitteln zu unterbauen und zur Legende zu formen, aber sie ist freilich auch nicht dazu da solche Dogmen, die heute im Bewusstsein des Volkes geschichtsbildende Macht gewonnen haben, schlechthin zu bekämpfen, nur weil es verbreitete und geglaubte Dogmen sind. Dogma ist nicht Wahrheit, aber es ist eine grosse Chance der Wahrheit; Nachbeten ist nicht Wahrheit, aber die Wahrheit ist auch nicht notwendig bei dem Zweifler, bei dem, der immer nur das Grosse im Kleinen korrigiert.

Was uns das Erlebnis der Zeit einschärft, ist ein neues Bewusstsein von Rangordnung der Fragen, oder lassen Sie mich lieber sagen, von den Graden der Vordringlichkeit der Probleme. Ich bekenne mich freilich, und die Universalität und Kulturgesättigtheit alles Politischen gerade im Mittelalter muss mich darin bestärken, zu einer Universalhistorie, die das Menschenantlitz in jedem Bereich der Vergangenheit wiederzufinden strebt; politische Wissenschaft im Sinne einer Beschränkung des Interesses und der Kenntnisse auf das Politische und auf die eigene Geschichte ist mir fremd. Aber im Kriege schweigen die Musen; auch in der Wissenschaft gibt es Krieg und Frieden, und eben jetzt hat die Wissenschaft Krieg, weil sie an ihrem Teil mitkämpft im nationalen Entscheidungskampf. In diesem Sinne treiben wir heute Historie als politische Wissenschaft - nicht als Beschränkung des Wissens auf das im engsten Sinne Politische, wohl aber als letzte Ausrichtung des Fragens auf die in aller Gegenwart liegenden politisch-ethischen Forderungen.

Durch unser Volk geht eine Welle der Besinnung auf das eigene Wesen. Das grosse Thema ist damit angeschlagen des Verhältnisses und der Absetzung des deutschen Wesens zu den fremden Wesen überhaupt, zu den grossen übernationalen Mächten der Geschichte, insbesondere zu der Macht, mit der sich die Völker auf Grund mittelalterlicher Tradition heute neu auseinandersetzen müssen, mit dem Christentum.

November

Wir gedenken in der ersten Vorlesung nach dem 12. November 1933 des Geschehens, das sich vor zwei Tagen vollzog.

Wir haben vielleicht alle das Bedürfnis nach Nüchternheit, nach einfachen Worten, nach Tagesdienst, nach Arbeit statt Reden  - um so mehr als wir ja zu schlichter Arbeit bestellt sind. Aber der Historiker, der heute dazu da ist von Geschichte zu reden, wird heute im Schreiten der Geschichte zum Redner, ob er es wolle oder nicht. Wie kann er, in einem fort bemüht um den gemässen Ausdruck des Vergangenen, schweigen, wenn jetzt einmal die Geschichte selbst da ist, gross und unerbittlich, wie alles Grosse beschenkend und fordernd, beglückend und schmerzend.

Wer nichts von Deutscher Geschichte weiss; wer nichts aussagen kann als den trivialsten Vordergrund der Dinge; eines weiss er: die deutsche Geschichte ist eine Geschichte der Zerrissenheit. Und er weiss zweitens - am 12. November 1933 wählten in geheimen Wahlverfahren alle Deutschen - denn den Rest zählt die Geschichte nicht mehr - Adolf Hitler zu ihrem Führer zu Freiheit, zu einem neuen Deutschland, zu einem neuen Abendland. Wir, die wir das Glück hatten oder uns nahmen, in der Zeit des Kampfes uns zu bilden und die Arbeiten zu fördern, die wir liebten, beugen uns heute vor dem Führer, vor dem Todesmut, vor der Kraft des Verzichts auf rasches Glück, vor dem Ahnungsvermögen seiner Gefolgen. Die Zehn, die Hunderte und dann die Tausende haben den unsteten Kampf um die Strasse und um die Massen gekämpft, haben Klassen und Parteien zerschlagen und das Volk geeinigt in begründeter Hoffnung und klarem Willen.

Jetzt ist das Kämpfen an uns; an uns, die wir lehren und lernen: wir schulden der Geschichteden Kampf um uns selbst. Wir treten an zu den Ermüdungen und den ewigen Neuanfängen eines Kampfes, in dem wir, froh unseres Geschicks, jung genug zum Neuanfang zu sein, dem Umbruch der Zeit nicht Rechnung tragen durch gleichschallendes Verleugnen unserer selbst, sondern in dem  wir aus dem was wir sind und was wir stets bleiben im Blick auf Vater und Mutter und Lehrer, die Kraft nehmen zur ständig wachen Verantwortung gegen die geschichtliche  Stunde - die geschichtliche Stunde: das  heisst aber immer: gegen die Zukunft. Verantwortlich im Selbstsein, verantwortlich in der Lehre der Kinder, verantwortlich in der Sorge für die akademische  Jugend. Wir sind nicht dazu da, dieses Volk vornehm, besser, geistiger zu machen. Dieses Volk hat sich als vornehm, gut und wissend  erwiesen. Zu einer solchen Auffassung unseres nationalen Berufs sind wir zu bescheiden und zugleich zu anspruchsvoll. Wir Gelehrten sind nicht Dekorationsmaler, die das Haus durch Anstreichen ein wenig schöner machen, nachdem die Maurer es gebaut haben. Vielmehr: wir bauen das Haus immer neu.

Wir bauen in unseren Herzen mit den bewährten Steinen rücksichtsloser Wahrheitsliebe, mit dem immer wieder neu gerade zu richtenden Winkelmass der Unvoreingenommenheit und des Bereitseins für die schmerzliche Wahrheit das vergangene, das gegenwärtige, das zukünftige Deutschland. Darum: wir glauben an das neue Europa; und darum: wir glauben an das Abendland. Wir halten unsere Herzen bereit für Deutschland und das Abendland. Nicht weil wir meinten, über das "Nationale" hinaus noch etwas Vornehmeres betreiben zu  müssen. Vielmehr: frei von Überfremdung, stehend im eigenen Selbst, achten wir neu die anderen Völker - und der wahre Nationalist, der seiner sicher über das Wir sind Wir des Fremdenhasses aufsteigt zur reinsten Liebe zum eigenen Volk, erkennt in eben diesem Volk das Abendland selbst. Dieses Abendland ist gegründet, seit die Athener die Perser abgewehrt haben; dieses Abendland ist gegründet, seit Christus in die Welt kam sie zu erlösen; unser Abendland ist aufgerichtet, seit die Germanen, seit die Theoderich, Karl und Otto sich der Welt unterwanden. Seitdem erkennen wir das Abendland der romanisch-germanischen Völker in unseren eigenen Helden, aber wir vergessen es auch nicht in der todesverachtenden Tapferkeit des Franzosen des Weltkrieges; seitdem spüren wir den Hauch abendländischer Gemeinschaft überall, wo das Gebot der Bergpredigt, wo Homer und Pindar die edle Besinnlichkeit von Menschen verschiedener Sprache innerlich bindet; wir verschliessen unseren Blick vor keinem  Lande, in dem uns Grazie und seelisches Übermass abendländischen Rittertums grüsst, von dem Vergnügen an den anmutigen Formen des täglichen Lebens bis zu der Feier der Herzen, mit der wir an die Kränze englischer Flieger für Immelmann und Bölcke denken. Aber all dies steht nicht in der Sphäre der Entscheidung. All dieses schauen wir, aber bauen können wir nur aus dem Eigenen. Mit Gewalt besinnen wir uns auf die eigene Art. Und weiter: wir fragen: wo liegt denn das Abendland? Wir antworten:  Das Abendland liegt in Deutschland. Das Abendland ist nicht mehr das Frankreich der Zivilisation, der Sicherheit, der Ostbündnisse, der bourgeoisen Versicherung, deren Prämien immer und immer wieder das geschwächte Deutschland in der Mitte Europas zahlt; sondern das Abendland ist und wird sein das Deutschland der Wahrheit. Die Flamme der Einigkeit, die  seit einem Jahr über Deutschland gezuckt hat, sie leuchtet zu den anderen Völkern, das Fanal eines Deutschland, das sowohl ein Deutschland der Wahrheit, wie ein Deutschland der Machtsein wird. Wir sind keine plumpen Annexionisten; wir werden auch, wenn der Kampf des Heute um das gleiche Recht und die gleiche Ehre mit den anderen ausgekämpft sein wird, das Morgen deutscher Weltgeltung  nicht verunklaren durch die  Reden derer, die von der die Bistümer Cambrai und Verdun umgreifenden Westgrenze des heiligen römischen Reichs deutscher Nation sprachen und die Erzbecken von Longwwy und Briey meinten. Aber wir werden in Glauben und Ahnen inne, dass dieses Volk, das aus den Mietskasernen Berlins aufstand gegen Versailles, für  das Abendland steht wie vor tausend Jahren der Adel, der aus den Ebenen des sächsischen Stammesherzogtums zum erstenmal nach Italien zog; dass dieses Deutschland, das sich aufgerafft hat als Bollwerk an der neuen Barbarengrenze des bolschwestischen Russland, dasselbe Deutschland ist, das 955 die Ungarn besiegt und das 1241 auf dem Schlachtfeld von Liegnitz das Abendland von dem Chingis-Chan erlöste.

Wir fühlen das alte und wir wollen das neue Jahrtausend. Wir halten inne mit unverbindlicher Rede und gehen an die Arbeit: an die lange Kunst des Sich-Eingrabens in die Rätsel unserer Geschichte. Wir glauben fortan stumm an dieses Deutschland, mit unserer Existenz, mit dem gleichen Sein, das wir für dieses Deutschland hinzuopfern entschlossen sind. Deutschland wird das Abendland tragen - mögen wir verwehen,wir Sandkörner im Winde der Geschichte.

Freiburg i. B.                                                                                           Hermann Heimpel

(Kursiviertes - außer Motto - im Original g e s p e r r t)


3) Nachbemerkung

Die Texte sprechen für sich. Weiterer Ausschmückungen des Szenarios bedarf es nicht. Die "theatralisch wirksame Geste" (Michael Matthiesen) und das "in den Ohren dröhnende Pathos" (Johannes Fried) hat es nicht gegeben.  Beim öffentlichen Vortrag sprach Heimpel umso leiser, je erregter er war, und höchst erregt war er beim Vortrag der Zwei Vorreden gewiß.

Die "Entdeckung" der im engeren Umfeld immer bekannten und im Verzeichnis derartiger Druckwerke auch leicht auffindbaren Texte hat Spekulationen über Heimpels Wahlverhalten im November 1932 und März 1933 neuen Auftrieb gegeben. Klaus Sommer  (Sammelrezension zu vier neueren Büchern mit Texten von und über Heimpel) versucht erneut wahrscheinlich zu machen, Heimpel habe statt der im Entnazifizierungsverfahren angegebenen DVP in Wahrheit Hitler gewählt. Ferner versucht er glaubhaft zu machen, der von Heimpel ("Aspekte" S. 210) mit namentlicher Anführung ihrer Mitglieder erwähnte Kreis von Freunden, die (noch einmal) "den Aufstieg der Philosophie Heideggers und die Macht seiner Persönlichkeit erlebten", sei eben jener von Hugo Ott aaO S. 27 genannte "kleine Kader nationalsozialistischer Professoren an der Universität Freiburg", die Heidegger in die führende Position bringen wollten. Die Gleichsetzung ergibt sich aus der Darstellung von Ott gerade nicht. Aus Heimpels Fähigkeit, sich Gesprächsthemen nicht von jedermann aufzwingen zu lassen und auf ihm gestellte Fragen bisweilen eisern schweigen zu können (und zwar auch oder vielmehr gerade dann, wenn sie bestens erinnerte Vorgänge betrafen), macht der Rezensent eine "Neigung, sich nicht wirklich zu erinnern", und knüpft daran - offenbar allen Ernstes -  die Frage, "ob diese Neigung nicht vielleicht auch sein wissenschaftliches Werk kontaminiert haben mag". Von der Wirkung von Heimpels  "Aufruf zum verbindlichen Fragen" als "Anruf an uns selbst"  hat der Rezensent offenbar nichts mehr erfahren können. Höchste Zeit, in  unserem Plutarch  zu lesen von großen Menschen.

4) Nachtrag April 2000

Der inzwischen erschienene Band I 16  ("Reden und andere Zeugnisse eines Lebensweges") der Heidegger-Gesamtausgabe (Frankfurt: Klostermann 2000) enthält  zahlreiche Dokumente, welche die hier mit Bezug auf die Rektoratsrede vorgetragene Annahme (einer Auseinandersetzung Heimpels mit Heideggers Erklärungen) vielfältig bestätigen und stützen (z. B. Nr. 41, 48, 75, 101, 103, 104, 108 und andere)
.
Die Erwähnung Heimpels in Nr. 129 dieses Bandes, Heideggers amtlichem Schreiben vom 31. Januar 1934 ("Schadewaldt und Heimpel ... mit die begabtesten und für die nächsten Jahre entwicklungsfähigsten jüngeren Mitglieder aus dem Lehrkörper") verbürgt Heideggers besondere Wertschätzung Heimpels, gerade weil sie nur  "nebenbei" geschah und durch den Anlaß (Schadewaldts Wegberufung) nicht zwingend gefordert war.

5) Anhang: Gratulantenliste 70. Geburtstag (erste und letzte Seite, aus Festschrift 1972 Band 1)

Kinya Abe, Dietrich Albrecht, Dietrich Andernacht, Carl Andresen, Heinz Angermeier, Karl Otmar Freiherr von Aretin, Jürgen Aschoff, Johanne Authenrieth, Adolf Bach, Helmut Backhaus, Friedrich Baethgen, Hans Ballreich, Konrad Barthel, Frantisek Michálek Bartos, Ingrid Bátori, Kurt Bauch, Wolf Graf von Baudessin, Hellmut Becker, Josef Beckmann, Friedrich Benninghoven, Wilhelm Berges, Helmut Beumann, Günter Birtsch, Bernhard Bischoff, Karl Bittmann, Walter Boll, Edgar Bonjour, Hartmut Boockmann, Arno Borst, Karl Bosl, Magret Boveri, Diez Brandi, Hermann Th. Brandt, Max Braubach, Hildburg Brauer-Gramm, Anna-Dorothee von den Brincken, Hans Bube, Sophie-Mathilde von Buch, Carl J. Burckhardt, Max Buckhardt, Walter Bussmann, Adolf Butenandt, Hans Butzmann, Peter Classen, Wolfgang Clemen, Helmut Coing, Katharina Colberg, Klaus Conrad, Werner Conze, Kurt-Georg Cram, Heinrich Dahnke, Wilhelm Degenhardt, Beatrix Dehne, Adolf Dieckmann, Hermann Diener, Albert Dietrich, Ursula von Dietze, Hermann Dörries, Lothar Graf zu Dohna, Klaus Dohrn,
[...]
Erwin Scholz, Siegfried Scholz, Otto Schottenloher, Ehrengard Schramm, Percy Ernst Schramm, Ernst Schütte, Wilhelm Wolfgang Schütz, Hans Jakob Schuffels, Ernst Schulin, Werner Schultheiss, Ursula Schwarzkopf, Berent Schwineköper, Ferdinand Seibt, Johannes Simmert, Lucien Sittler, Rudolf Smend, Max Spindler, Pavel Spunar, Karl Stackmann, Rudolf Stephan, Otto Graf zu Stolberg-Wernigerode, Herman Strasburger, Wolfgang Freiherr Stromer von Reichenbach, Wolf- Heino Struck, Wilhelm Stüwer, Jürgen Sydow, Gerd Tellenbach, Ernst Telschow, Rudolf von Thadden, Hans Thienme, Wilhelm Treue, Wolfgang Treue, Wolfgang Trillhaas, Hans Erich Troje, Winfried Trusen, Eugen Ulmer, Johannes Vincke, Thilo Vogelsang, Paulus Volk, Otto Vossler, Fritz Wagner, Adam Wandruzka, Charlotte Warnke, Werner Weber, Gertrud Wegener, Helmut Weigel, Erich Weise, Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker, Martin Wellmer, Alfred Wendehorst, Karl Ferdinand Werner, Reinhard Wenskus, Heinrich Wesche, Franz Wieacker, Gernot Wiessner, Carl Arnold Willemsen, Erich Wisplinghoff, Thomas Witt, Charles Wittmer, Reinhard Wittram, Erich Woehlkens, Emil Woermann, Ernst Wolf, Gerd Wunder, Carl Wurster, Kurt Zierold, Walther Zimmerli, Paul Zinsmaier, Helga Zinsmeyer, Wolfgang Zorn, Konrad Zweigert.

6) Ansprache zur Trauerfeier für Hermann Heimpel

am 3. Januar 1989 in der Universitätskirche St. Nikolai in Göttingen*

Professor Dr. Lothar Perlitt, Abt von Bursfelde

Liebe Familie Heimpel, liebe Trauergemeinde!

  Der Mann, von dem wir hier Abschied nehmen, hat uns für diese Stunde Zurückhaltung auferlegt1.
  Er, der achtzig Jahre lang seine Streichinstrumente spielte2, wollte, daß hier nur die Orgel erklinge. Er hat die beiden Lieder ausgewählt, die wir gesungen haben3; er hat dem Prediger die biblischen Texte vorgegeben4 und schließlich gewünscht, daß hier keine akademischen Reden gehalten werden, sondern nur der Geistliche seines Amtes walte.
  Er unterschied sogar zwischen dem, was für ihn selbst und was für alle gesagt werden solle. „Gepredigt werde von der Vergebung der Sünden”, beschied er, und für sich selbst war ihm dabei nichts wichtiger als die eine Bitte des Vaterunsers: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“5

  Diese Bitte ist an Gott gerichtet, und der Verstorbene wußte wohl, daß ihre Erfüllung gewährt oder verweigert werden kann. Indem wir Gott als „unsern Vater im Himmel" anreden, verlassen wir uns aber darauf, daß er gerne vergibt6.
  Liebe Gemeinde, jedem unter uns wäre zu Hermann Heimpel, diesem überreich begabten Manne, zuerst etwas ganz anderes und vermeintlich Wichtigeres eingefallen; ihm selbst aber war die Bitte um Vergebung der Sünden das wichtigste.
  Das Herrengebet war ihm nämlich eine tägliche Übung - so keusch er derlei für sich behielt7. Er begann den Tag am Schreibtisch sehr früh am Morgen: mit einem Kaffee und diesem Gebet. Wie er von den Geheimnissen des Lebens nicht selten scheu oder nur augenzwinkernd sprach, so sprach er zu seiner Tochter Erika also vom „Nescafe-Vaterunser“8. Aber ein ums andere mal sagte er: „Ich bin ein homo religiosus.“9
  Auch in den Monaten der Krankheit, als so viel Dunkel und Nacht auf diesen klaren Geist fiel, bat er seine Frau um das tägliche Gebet; und es war wiederum das Vaterunser, das ihn ruhiger werden ließ und tröstete.
  „Und vergib uns unsere Schuld": Wer im Herausheben gerade dieser Bitte nur eine Altersanwandlung sehen möchte, muß Hermann Heimpel schlecht gekannt oder schlecht gelesen haben. Gewiß ließ ihn die geistige Erschöpfung, die seelische Bedrängnis seines letzten Sommers alles viel tiefer erleiden; aber er faßte - mühsam genug - nichts in Worte, was nicht seit Jahrzehnten ein Thema dieses sensiblen Menschen gewesen wäre.
  Ihn quälten keine „Puppensünden“ und er war, gottlob, kein Moralist. Aber die Frage nach der Schuld, nach der persönlichen, vor Gottes Thron zu verantwortenden Schuld war für ihn nicht beantwortet oder gar aufgehoben im Wissen um die schicksalhafte Eingebundenheit des Menschen in seine Gegenwart10. Dafür war er viel zu sehr ein einzelner, in seinem Werk wie vor Gott.
  Wir können - und dürfen wohl auch - die Spuren verfolgen, die ihn zur Wahl des für uns so unbequemen, für ihn ganz unpassend erscheinenden Schriftwortes von der Vergebung der Schuld führten. Sie verweisen nicht in die Privatheit, sondern in die Öffentlichkeit.
  Vor 35 Jahren schon, auf der Höhe seiner Kraft und seines Ansehens, ließ er erkennen, was ihn belastete: „Wer wie der Verfasser in den Schicksalen seines Volkes und seiner Zeit geschont blieb, hat um so mehr die Pflicht, sich zu besinnen. ... Wälzt er die Frage um, warum der Historiker so leicht dem Erfolg sich verpflichtet, warum die Geisteswissenschaften so ungeschützt gegen Drohung und Lockung der Zeiten sind, so muß er sich und andere zuerst daran erinnern, daß auch er solches an sich geschehen ließ.“11
  Bezögen wir einen solchen Satz nicht sofort auch auf uns und die Lockungen unserer Zeit, so hätten wir uns wohl schon verhört.
  Ihm selbst hat sich die „Erinnerung" auch im letzten Lebensjahrzehnt nicht verflüchtigt; vielmehr trieb ihn seine Liebe zu Genauigkeit und Wahrheit nur zu mehr Konkretisierung des Erinnerns. Bei der unvergeßlichen Feier seines 80. Geburtstags sagte er vor der akademischen Öffentlichkeit: „... mein Vorgänger auf dem Leipziger Lehrstuhl ... mußte in Theresienstadt in einer Masse von Gequälten einsam sterben. In München war er mein Lehrer gewesen, und oft hatte ich ihm meine Verehrung gezeigt - solange das kein Risiko war.“12
  Wo andere sich im Vergessen oder doch im Verschweigen einrichteten, lebte er also mit der immer strenger und lauter werdenden Stimme seines Gewissens. „Durfte ich nach Straßburg gehen?" fragte er sich und andere oft in den letzten Jahren.13 Aber: gerade weil er sich mit seiner zunehmenden inneren Bedrängnis nicht dem Geist der - wieder einmal - neuen Zeit empfahl und Schuldbekenntnisse zu einem Lehrstück machte, wurde er denen, die zu hören fähig und bereit waren, ein wahrer Lehrer für ihre eigene Gegenwart.
  „Und vergib uns unsere Schuld“: Vor dieser Bitte zerfallen alle Nebenabsichten; sie sucht nicht das Vorzeigen der Schuld, sondern die Vergebung der Schuld, und sie sucht sie nicht beim Publikum, sondern bei „unserm Vater im Himmel“.
  Im Dezember 1974 gestand Hermann Heimpel einem Schüler14, seit seinen Kindertagen sei ihm Jesu Gethsemane-Frage an die schlafenden Jünger nicht aus dem Sinn gekommen: „Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?15 Diese Frage erschien ihm damals sogar als das passende Schriftwort für seine Beerdigung. „Aber wir können es ja nicht“, so beantwortete er Jesu Frage. Ob ihm jemand gesagt hat, daß wir es auch nicht müssen, so wahr jener Eine für unser aller Schuld wach blieb?
  „Und vergib uns unsere Schuld“: So bitte auch ich in der Erinnerung an meinen letzten Besuch in der Klinik. Er verabschiedete mich mit angstgeweiteten Augen und dem (sonst aus der Begrüßung) so vertrauten „Grüß Sie Gott"; aber ich hatte keinen Psalm mit ihm gebetet und nicht getan, was er uns für heute aufgab: „Gepredigt werde von der Vergebung der Sünden."
  Doch davon muß nun nicht mehr wortreich gepredigt werden: Wer wie er mit dieser Bitte gelebt hat, wer so den Vater im Himmel um dieses Eine gebeten hat, dem ist die Bitte schon erfüllt.
  Aber es soll auch hier auf Erden aufscheinen, was Gott in Ewigkeit gewährt: „Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern." Der Verstorbene fügte der Bitte an den Vater zwei Sätze anrührender Menschlichkeit hinzu, die ich Ihnen ganz unkommentiert weitersage: „Ich bitte alle um Verzeihung, denen ich Leid antat.“ „Ich bitte alle, die mich lieben, um ihre Fürbitte.
 
  Liebe Gemeinde, als Hermann Heimpel die Frage nach Schuld und Vergebung so energisch in die Mitte rückte mit der knappen Bestimmung „dies für mich“, wollte er auch ausschließen, daß hier ungebrochen, zu seinem Ruhm geredet würde. Ebenso treu folgen wir ihm nun in dem, was er Jür alle Anwesenden" bedacht haben wollte. Das ist ein Satz aus den Abschiedsreden16 des johanneischen Christus an die Seinen: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“17
  Er selbst hat Menschen verloren und wußte, daß wir um Trost sehr bange sein können: die beiden so geliebten älteren Schwestern18, aber auch die Mutter seiner fünf Kinder, die Gefährtin einer vierundvierzigjährigen Ehe, in der beide sich die Freiheit ihrer geistigen und öffentlichen Existenz auf bewundernswerte Weise einräumten19.
  Dieses Christuswort wendet sich an Zurückbleibende, eben an Trostbedürftige, und so gibt der Heimgegangene damit einen letzten liebevollen Hinweis darauf, bei wem Trost zu finden sei für alle, die um ihn trauern.
  Solches Trostes sind Sie, verehrte Frau Heimpel20, sehr bedürftig, denn Sie sehen zurück auf die fünfzehn Jahre eines Ihnen beiden geschenkten späten Glückes: eines tiefen gegenseitigen Vertrauens, in dem dieser Mensch sich öffnete wie kaum zuvor in seinem Leben.
  Ihnen, verehrte Frau Huber21, schenkte der Vater zu seinem 85. Geburtstag das große Glück der gemeinsamen Reise durch sein geliebtes Bayern: das Glück der Ihnen unvergeßlichen Gespräche über Vorletztes und Letztes, über das Leben und über den Tod22. Und auch Ihnen, lieber Herr Heimpel23, erschloß sich der Vater, der ja immer der Arbeit zugewandt gewesen war, zunehmend in offenen Gesprächen - und auf sehr besondere Weise dann noch einmal in seiner Hilflosigkeit am Krankenbett. Ich bin leider nicht gerüstet, zu den übrigen Kindern24, gar zu den neunzehn Enkeln hier zu sprechen. Nennen möchte ich aber die beiden treuen Mitarbeiterinnen, die dem Kranken in den schweren Monaten beinahe täglich zur Seite waren25. Schließlich erlaube ich mir, hier die Stütze des Hauses Heimpel seit einem Vierteljahrhundert zu erwähnen26. Beim letzten Abschied nahm der alte Mann sie in die Arme und sagte, was ihm gewiß zu sein schien: „Wir werden uns wohl erst im Himmel wiedersehen.“
  „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost“: Die tröstliche Anrede Christi an die Seinen wäre dem Heimgegangenen für diese Abschiedsstunde gewiß nicht zugefallen, wenn er nicht selber die Menschenangst in dieser Welt gründlich gekannt hätte.
  „... die grünen Holzläden sind zugeklappt. Die sommerliche Dämmerung dringt durch zwei Herzen ein, doch macht sie das Zimmer nicht heimeliger, und Bob, unter seine Decke gegraben wie ein Tier im Bau, hat Angst, die tägliche Angst, gegen die kein Gebet hilft, die Angst vor dem Feuer.“27
  So das Kind - oder, mit einem schwer bestimmbaren Anteil, auch der Mann in seinen vierziger Jahren; und der Achtzigjährige sprach dann, ins Große gewendet, von diesem ganzen „angstverhangenen Jahrhundert“28.
  Aber Gott: War er denn keine Instanz gegen die Angst? „Gott wohnte wahrscheinlich in der Frauenkirche. Das sagten die Träume, das wußte der Schweiß des Erwachens. Zu Gott kroch die Furcht die Dompfeiler hinauf. ... Die Furcht kam also nicht von der Dunkelheit, sondern von Gott.“29
  Wie schmerzlich gehen hier Weltangst und Gottesfurcht ineinander! Und wie tief war zugleich die Scheu vor dem Gespräch darüber30. Das Kind wußte: „Papa und Gott hielten auf Abstand“31, und der Jüngling blickte zurück: ,;Vielleicht ist Gott doch nicht der Gott, der macht, daß die Sachen gut ausgehen. Man müßte endlich wieder so genau über Gott nachdenken wie vor der Konfirmation.“32
  Kann in der Welt, kann auf der Wanderschaft etwas anderes sein als Angst? Vielleicht doch: „Die Menschen haben Erinnerung“, formulierte schwerlich das Kind, sondern der Mann, „weil sie von Gott wissen und ihn nicht sehen, sondern auf dem Wege sind. Ihre Wege sind Heimwege zu sich, nämlich zu ihrem Ursprung, dahin, wo sie wirklich bei sich sind, nämlich zu Gott.“33
  So genau meine ich es, wenn ich Hermann Heimpel den „Heimgegangenen" nenne. Aber uns, die noch auf dem Wege sind, mag um Trost bange sein. Für seine Nächsten ist es nun ein Schreiten ohne ihn, der vielen so vieles gab und bedeutete auf dem Wege.
  „Aber seid getrost": Erinnerung schafft ja nicht nur Trauer, sie will sich verwandeln in Dank. Wir alle, Familie und Freunde, sind reich geworden durch ihn, und dieser Reichtum ist unverlierbar. Also gedenken wir voller Dank des Mannes, der in so fruchtbarer Spannung zwischen Schauen und Denken lebte34, in der vollkommenen Verbindung von Handwerk und Phantasie.
  Ich selber gedenke so gerne seiner Liebenswürdigkeit im Umgang mit einfachen Menschen, aber auch der Sottisen über weniger einfache sowie der hinreißenden Distanz, die er wahrte und die nur Narren aufzubrechen trachteten. Kann man etwas anderes als Dank wissen für die Begegnung mit einem Menschen, der nicht wenige Aufsätze „mit dem Herzen geschrieben“ hat35, der weinend über die Inquisitionsprotokolle der Hussiten gebeugt war36 und der einer Zirkusreiterin fünfzig Rosen schickte?
  Wie erschien ihm das Leben als Fest, als ein zu gestaltendes Fest, denn Bob „lernte üben, also arbeiten, er lernte, sich den höchsten Maßstab setzen, er lernte das Glück der regelmäßigen Anstrengung“37. So bildete sich ein Gelehrter.
  „Apfelbäume auf grünem Rasen: Boten der Schönheit, Wald des Friedens. Tau und hartschaliger, feuchter, kühler Apfel: edles, nüchternes Glück“38: So bildete sich ein Künstler; und er war beides, Gelehrter und Künstler, besser: Er war das eine im andern.
  In der Lebensmitte schrieb er die Vision des Primaners auf: „Dieses Leben würde schwer sein, aber es würde ein Fest sein, das Leben selbst, ein Lob- und ein Dankfest jeden Tag. Man wird nur froh sein, daß man lebt, und daß die Welt lebt, und allen Schuldigern vergeben.“39
  Das Leben ein Lob- und ein Dankfest und - allen Schuldigern vergeben: Damit sind wir wieder bei unserem Anfang und bei seinem Ende. Es gibt in dem Buch, mit dem er in einer Zeit der Auflösung und der neuen Anfänge „strebte sich selbst zu finden“40, einige Sätze bewegender Gottesnähe, die uns noch einmal in das Herz dieses Menschen sehen lassen:
  „Wie groß war die Welt ausgespannt zwischen dem nie geschnittenen Wildgras ... und dem Himmel, hinweg über das schwindelnde Neigen der Astspitzen. Gott, du bist bei mir. ... Steil fällt der Hang zum Zaun, Erhard gleitet ... hinunter, umfaßt zwei Zaunlatten. ... Man muß sich manchmal festhalten. Oder plötzlich sinnlose Worte sagen, oder galoppieren. Vor Glück. Vor Einsamkeit. Vor Erwartung. Vor der Nähe Gottes.“41
  Erinnerung an den Knaben? Sehnsucht des Mannes? „Gott, du bist bei mir“: Dann wäre alle Angst vergessen. Dann wäre alle Schuld vergeben. Dann wären auch die letzten Wochen der Vereinsamung zum Tode nicht ohne Tröstung gewesen.
  „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ „Ich": das ist die Stimme dessen, der für uns hingegeben ist in den Tod, im Evangelium aber bezeugt
  von denen, die schon im Jubel der Osterhymnen leben: et resurrexit.
  Möge Hermann Heimpel, von dem wir Abschied nehmen, das Fest des ewigen Lebens feiern. „Ihr sollt mich sehen“, sagt Christus in derselben Abschiedsrede42, „denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.“
  Uns aber, die Zurückgebliebenen, tröste der auferstandene Christus, auf den zu hören und zu vertrauen der Heimgegangene uns anempfohlen hat: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“43

Anmerkungen

* Es ist ungewöhnlich, die Ansprache zu einer kirchlichen Trauerfeier zu veröffentlichen, noch ungewöhnlicher, ihr Anmerkungen beizufügen. Wer es mag und kann, überlese einfach die Anmerkungsziffern, obwohl die mündliche Rede ohnehin an ihre bestimmte Stunde gebunden bleibt. Aber ich habe Hermann Heimpel oft zitiert, manchmal notgedrungen verkürzt; darum möchte ich dem Leser die Fundorte und, wo es sachgemäß ist, auch die unverkürzten Zitate in ihrem Kontext geben. Soweit möglich und sinnvoll werden aber auch Namen und Lebensdaten der hier angesprochenen Menschen sowie sachliche Erläuterungen beigegeben, die in den rein akademischen Würdigungen nicht ihren Platz haben. - Für biographische und literarische Hinweise danke ich besonders den Damen Dr. I. Crusius und Dr. S. Krüger sowie Herrn Professor Dr. H. Boockmann.
1 Alle folgenden Angaben zur Trauerfeier beziehen sich auf die Notizen, die Hermann Heimpel zuerst Ende 1983 eigenhändig aufgeschrieben und nach verschiedenen Veränderungen zuletzt Anfang April 1988 zur Reinschrift „meiner Frau Inga diktiert“ hat.
2 Zum Übergang von der Geige zur Bratsche vgl. die nach einem langen Gespräch mit Hermann Heimpel geschriebene Würdigung von Kurt Reumann in FAZ, Nr. 110, S. 12 vom 13. 5.1987: „Großer Kopf mit großen Händen“. Darin heißt es: „Aber jetzt, mit 86 Jahren, ist er zur Bratsche übergegangen: ‘Das ist das Instrument für ältere Leute’, sagt er; auf ihm brauche man nicht mehr so hoch herumzuklettern.“ Hermann Heimpel war ein leidenschaftlicher Quartettspieler, besuchte aber in den letzten Jahrzehnten Konzerte nur mehr oder weniger unfreiwillig.
3 „Morgenglanz der Ewigkeit“, Text von Christian Knorr v. Rosenroth, 1684 (EKG 349,1-4); „Eine feste Burg ist unser Gott“, Text und Melodie von Martin Luther, 1528 (EKG 201,1-2); als drittes Lied wurde gesungen: „Nun lob, mein Seel, den Herren“, Text von Johann Gramann, 1530 (EKG 188,1-2).
4 Das Psalmgebet (Ps 103) und die Schriftlesung (Röm 8,31b-39) wurden vom Prediger ausgewählt.
5 Mt 6,12.
6 Anklang an M. Luthers Übersetzung von Ps 13,6: „Ich aber traue darauf, daß du so gnädig bist; mein Herz freut sich, daß du so gerne hilfst.“
7 Auf seinem Schreibtisch stand eine Karte, auf die er 1987 mit eigener Hand den griechischen Text des Vaterunsers geschrieben hatte; im gleichen Format hatte er sich den lateinischen Text mit der Hand aufgeschrieben. Daneben lag ein kleines Blatt mit dem gedruckten Text der „Betrachtung der Zeit“ von Andreas Gryphius (1616-1664):
Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;
Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen;
Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,
So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.
8 Dazu s. u. Anm. 22.
9 In diesem Zusammenhang mögen einige Sätze aus dem Typoskript von Hermann Heimpels Nachruf auf den Kollegen und Freund Herbert Grundmann (14. 2.1902-20.3.1970) zitiert werden: „Wundern Sie sich nicht, wenn in diesem Lob des Freundes zu Wahrhaftigkeit, Lauterkeit, Schlichtheit, Bescheidenheit gefügt wird: Frömmigkeit. Herbert Grundmann war konfessionslos, er gehörte der Kirche nicht an. Aber das Hauptinteresse, ja die eigentliche Leidenschaft seiner Lebensarbeit gehörte der Geschichte der christlichen Frömmigkeit. Das war kein Zufall aus neu aufgesuchten Quellen, sondern sein Herz und sein Verstand gehörte den Frommen des Mittelalters ...“; vgl. auch Heimpels Nekrolog auf Grundmann in HZ 211, 1970, 781-786, der diese Sätze nicht enthält.
10 Vgl. dazu: Der Mensch in seiner Gegenwart (Erstdruck in: Die Sammlung, 1951), in: Der Mensch in seiner Gegenwart. Sieben historische Essais, Göttingen 1954, 9-41; J. Fleckenstein spricht von Heimpels „charakteristischstem Buch“ (Hermann Heimpel zum 70. Geburtstag. Zwei Reden, vorgetragen am 8.11.1971, 20).
11 Vorwort zu „Der Mensch in seiner Gegenwart“, geschrieben „im Oktober 1953“. Der ausgelassene Satz lautet: „Wagt er es zu mahnen und, auf den folgenden Blättern, zu erinnern an die Erschütterung von 1945 und an die uns in ihr gebotene Gelegenheit zu Einkehr und Neuanfang, an jene uns so leicht verlierbare Offenheit der Herzen an der Grenze der Ordnungen, so sei alle Kritik zuerst Selbstkritik, alle Mahnung Mahnung an sich selbst.“
Im Insel-Almanach auf das Jahr 1961 erschien Heimpels persönliche Erinnerung an den 9. November 1923 in München; am Ende steht der bestürzende Satz: „Es kommt wohl eine Zeit, in der nicht tot zu sein ein Vorwurf ist“ (zitiert aus dem Nachdruck unter dem Titel „Traum im November“, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 32, 1981, 521-525; 525).
12 Hermann Heimpel zum 80. Geburtstag (Reden gehalten am 1.10.1981), hrsg. vom Max-Planck-Institut für Geschichte, Göttingen 1981, 42. Gegen den falschen Eindruck, Heimpel habe den Lehrstuhl von Siegmund Hellmann (19.3.1872-7.12.1942) gleichsam „übernommen“ ist darauf hinzuweisen, daß es einen relativ umfangreichen Briefwechsel zwischen beiden Männern aus jenen Jahren gibt und daß Heimpel auch den Nekrolog auf Hellmann geschrieben hat (HZ 174, 1952, 737-739).
13 Hermann Heimpel war 1941 (-1944) dem Ruf an die sog. Reichsuniversität Straßburg gefolgt. Wie die Straßburger Wirklichkeit für ihn aussah, kann man dem Bericht eines Augen- und Ohrenzeugen entnehmen. Ich zitiere ausführlich Otto B. Roegele (Student im Dritten Reich, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlarnent, B 38/66 vom 21. 9.1966, 3-20; 18): „Das nationalsozialistische Herrschaftssystem wies aber zuweilen sogar gerade an den Stellen, an denen man es am wenigsten vermutete, Kontroll-Defekte auf, die es ermöglichten, ganz offen zu sprechen. Paradoxerweise gab es solche Lücken gerade dort, wo hohe Funktionäre im Spiel waren. In einem solchen Vakuum der Orthodoxie habe ich einige der aufregendsten Stunden meines Lebens verbracht, im sogenannten ‘Germanischen Großseminar der Philosophischen Fakultät’ in Straßburg. Zweimal im Monat kamen die Professoren, Dozenten und Assistenten zu Vortrag und Diskussion zusammen, etwa gleichviel Studenten durften daran teilnehmen. Nie werde ich vergessen, wie der Historiker Hermann Heimpel, gerade aus Rußland zurückgekehrt, seinen Schüler Hermann Mau nach einem großartigen Referat über Odilo von Cluny gegen Angriffe eines Ordinarius verteidigte, der dem germanischen Artglauben Alfred Rosenbergs eine akademische Legitimation zu verschaffen suchte. Der Streit geriet schon im zweiten Schlag-Abtausch ins Politische, im dritten ins Weltanschauliche. Hermann Heimpel, weiß vor Wut über Inhalt und Niveau der gegnerischen Vorwürfe, offenbarte rückhaltlos seine Meinung. Sein Ausbruch schloß mit der Empfehlung, der Herr Religionswissenschaftler möge endlich selber an die Front gehen und nachprüfen, an welchen Gott die Soldaten dieses Volkes glaubten. Es gab kurzen, heftigen Beifall, dann erschrecktes Schweigen, niemand widersprach. Alle gingen nach Hause in der Erwartung, daß noch in der gleichen Nacht die Gestapo erscheinen und jeden Teilnehmer zum Verhör holen werde. Aber es geschah nichts dergleichen. Das halbe Hundert akademischer Bürger, darunter einige, die gründlich miteinander zerstritten waren und sich von Herzen haßten, darunter auch ein höherer SD-Führer, wahrte das Schweigen. Von diesem Abend an wurde im ‘Germanischen Großseminar’ im Klartext gesprochen.
14 Dr. Thomas Witt, Berlin (Promotion im Winter-Semester 1956/ 57; Erstreferent: Hermann Heimpel, Zweitreferent: Percy Ernst Schramm).
15 Mt 26,40; v. 41: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“
16 Joh 14-16.
17 Joh 16,33.
18 Wilma Heimpel (4.8.1890-21.1.1951) und Franziska Heimpel (31.8.1893-24.4.1982; seit 26.5.1920 verheiratet mit Ernst Klein).
19 Dr. phil. Elisabeth Heimpel, geb. Michel, Tochter des Geh. Justizrats Dr. Karl Oskar Michel und seiner Ehefrau Luise, geb. Glaser (26.4.1902-1972; verheiratet mit Hermann Heimpel seit 11.4.1928). In der Todesanzeige heißt es: „Am 14. Juli wurde der sterbliche Rest meiner geliebten Frau ... neben einem Weg von ihrem Haus in Falkenau zum Schluchsee aufgefunden, nachdem sie seit dem 30. April, dem vierten Tag nach Vollendung ihres 70. Lebensjahres, vermißt worden war.“ - Vgl. den Nachruf von Brigitte Beer in der FAZ vom 2.9.1972 mit Würdigung ihrer literarischen Tätigkeit (Mitherausgeberin und verantwortliche Redakteurin der „Neuen Sammlung“) sowie ihrer sozialpolitischen Verdienste. Die „Neue Sammlung“ widmete ihr als Festschrift zum 65. Geburtstag ein Sonderheft mit dem Titel „Beiträge zu einer offensiven Sozialpolitik“.
20 Inga Heimpel, geb. Sahl, geb. am 30. 4.1921 in Berlin, verheiratet mit Hermann Heimpel seit 4.5.1973. - Der Göttinger Kollege soll ungenannt bleiben, dem H. Heimpel 1987 sagte: „Ich habe das unfaßbare Glück gehabt, daß mit 70 noch einmal das Leben anfing.“
21 Dr. phil. Erika Huber, geb. Heimpel, geb. am 9.3.1929, verheiratet mit Prof. Dr. jur. Ulrich Huber. - Ich danke Frau Dr. Huber für mehrere sehr hilfreiche Gespräche.
22 Reisetagebuch (14.-25.9.1986) von Frau Dr. E. Huber. Die Fotos zeigen Hermann Heimpel noch einmal zünftig mit Wanderstock und Kniebundhosen. „Wir sprachen über fast alles, sogar über Weizenkleie, Nescafe-Vaterunser, das Griechische und den Tod.“
23 Dr. med. Hermann Heimpel, geb. am 29.9.1930, Professor der Medizin in Ulm. - Ich danke Herrn Prof. Heimpel für ein zweistündiges offenes und intensives Gespräch über seinen Vater.
24 Elisabeth Troje, geb. Heimpel, geb. am 11.6.1935, verheiratet mit Prof. Dr. jur. Hans Erich Troje, Frankfurt; Dr. phil. Christian Heimpel, geb. am 29. 11. 1937, Hamburg; Dr. phil. Wolfgang Heimpel, geb. am 9.11.1940, Professor der Orientalistik, Berkeley, CA.
25 Dr. Sabine Krüger, ehem. Hauptreferentin am MPI für Geschichte; Dr. Irene Crusius, Abteilungsleiterin der Germania Sacra.
26 Frau Charlotte Klinge, geb. Schugens, geb. am 11. 12.1930 in Lothringen.
27 Die halbe Violine, 86. Das Buch erschien zuerst 1949 im K. R Koehler Verlag Stuttgart; es wird hier zitiert nach den seitengleichen neueren Ausgaben: Bibliothek Suhrkamp, Bd. 403, und suhrkamp taschenbuch 1090. Hermann Heimpel, der im Winter-Semester 1944/45 den Lehrstuhl von Percy Ernst Schramm vertrat, begann die Arbeit an diesem Buch im Dezember 1944 in Göttingen im Hause von Siegfried A. Kaehler, dem er 1954 die Sammlung „Der Mensch in seiner Gegenwart“ zueignete (vgl. Anm. 10).
28 Wie Anm. 12.
29 Die halbe Violine, 216 f.; vgl. ebd. 227 die Erinnerung an den ersten Abendmahlsempfang zur Konfirmation: „Gott also würde kommen. Wer weiß, ob die Pfeiler der Markuskirche das aushalten. Wo steht geschrieben, daß es immer wieder gut ausgeht, wenn Gott selbst da ist? Dann aber kommt er sicher zu verdammen die, so nicht gläuben oder zweifeln.“ - Sehr viel später, am 28.11.1977, sprach Hermann Heimpel im Gemeindehaus, Arcisstraße 35, Erinnerungen „zum 100jährigen Jubiläum der St.-Markus-Kirche in München“. Da heißt es mit Bezug auf die Nacht vor der Konfirmation: „Längst weiß ich, daß jene Gottesfurcht vom 15. auf den 16. April 1916 etwas Gutes war, am Anfang eines Lebens der Kompromisse ein Tag des absoluten Anspruchs. Auch war ich nicht anders als die andern, Angst verwandelte sich in Leben, in Geschenke und in die damals unabdingbare erste lange Hose.“
30 „Denn zu Hause war er (= Gott) eigentlich nicht zu finden; vielmehr gehörte er, oder vielmehr die Religion, zu den Gegenständen, von denen wie von Geld bei Tisch nicht gesprochen werden sollte: ‘Shocking’, sagten die Schwestern, wenn sie es nicht vorzogen, doch einmal ein Religionsgespräch zu wagen und alsbald zu weinen. Glaubten die Eltern wirklich an Gott ...? Die Mama ging ja in die Kirche, aber der Papa? Manchmal dachte Bob, er müsse für den Vater beten, daß der nicht in die Hölle komme, denn selber betete der Papa wohl nicht.“ (Ebd. 218)
31 Ebd.
32 Ebd. 258 - mit der Fortsetzung: „Wie leicht man verschlampt.“
33 Ebd. 155.
34 Ebd. 163: „Da merkte Erhard, daß er selber so ein Kind sei, daß er nicht zum Spielen komme oder zum Handeln, wie das Spiel der Erwachsenen heißt, weil er schauen und denken müsse. Das Schauen und das Denken war das Aufregende, Atemberaubende, dieser Zwang zum Aussagen, der den Aussagenden immer vom Ausgesagten schied.“
Aber noch der Achtzigjährige quittierte den Festvortrag von Arnold Esch mit dem Satz: „Ihr Vortrag zeigte wieder, was den erfolgreichen Historiker ausmacht: Schauen und doch Denken; Denken und doch Schauen.“ (Wie Anm. 12, 41)
35 Deutsches Mittelalter, 1941, 8: Vorwort der (neun) 1932-1941 publizierten Aufsätze.
36 Vgl. dazu die 1969 erschienenen Editionen und Interpretationen Heimpels: Drei Inquisitions-Verfahren aus dem Jahre 1425. Akten der Prozesse gegen die deutschen Hussiten ... (Veröff. d. MPI für Geschichte 24); Zwei Wormser Inquisitionen aus den Jahren 1421 und 1422 (Abh. Akad. Göttingen, Folge 3,73).
37 Die halbe Violine, 60; Fortsetzung des Zitats: „Und er lernte ein wenig geigen. Wer geigen gelernt hat, wer mit erlahmendem Arm sich durch die Wüste der ‘Viertausend Bogenstriche’ gewunden hat, ruft nicht auf jeder Bergtour nach Wasser; wem täglich die Stunde des Übens schlug, dem wird in versäumten Stunden das Gewissen schlagen.“
Daneben gehört die Variante desselben Themas (ebd. 96): „Vesper, Mittag, Feierabend: dies lernt Erhard früh, wie den Rhythmus, den glücklich machenden, der Arbeit. Nie mischt sich in die Arbeit ein Spiel. Sie ist selbst ein Spiel.“
38 Ebd. 170.
39 Ebd. 301. Das Wortfeld Angst, Schuld, Vergebung und Fest des Lebens beherrscht auch noch die letzte Seite der „halben Violine“ (302): „Daß alle Angst, die sein kann, schon einmal auf den Münchener Straßen und um die Theresienwiese lag, alle Einigkeit, und alle Vergebung. Auch alle Schuld war schon mit siebzehn Jahren, alle Abschiede waren vorausgenommen, in den Abschieden sitzt ja die Schuld, jede Lokomotive klagt uns an. Und daß keine Freude sein wird, die nicht schon Vorfreude war, mit siebzehn Jahren, und keine Süßigkeit, Christina, die nicht gekostet wäre. Und dann wird es schön sein, was auch kommen mag, das Leben, dieses einzige Fest, das Erdbeerkraut auf dem Weg, das Loisachwasser, der Huflattich und die Latschen.“
Wenige vermochten wie Hermann Heimpel auch das Gefühl der fast kreatürlichen Dankbarkeit für das Leben auszudrücken, so 1951 im Schlußabschnitt von „Der Mensch in seiner Gegenwart“ (wie Anm. 10, 41): „Es ist, so sagten wir, soviel gestorben worden: Lob des Lebens. So viele sind verstümmelt: Lob der Gesundheit. So viele sind bedürftig: Lob der hilfreichen Hand. So viele sind flüchtig: Lob der Heimat. Du verlässest morgens deine Wohnung und feierst das erste Fest des Tages. Du hast eine Wohnung, die unzerschossene Lunge empfängt die Luft des Morgens, die Beine schreiten aus. Dies alles ist nicht normal, sondern ein Wunder. Um dich, wie du so gehst, stehen die Heimatlosen, die Toten, die Kranken. Sie warten auf deine Taten und sie freuen sich deiner Umsicht, der kleinen Anstrengung, sie täglich im Blick zu haben. Du aber genießest das gläserne Urlaubsglück der einmaligen Gegenwart: als ‘Mensch in seiner Gegenwart’.“
Er überreichte seiner Frau ein Vorausexemplar des 1954 erschienenen Buches am 28.11.1953 „mit dem Dank für die Göttinger Friedensjahre“.
40 Der Mensch in seiner Gegenwart (wie Anm. 10), 7; vgl. dazu Anm. 27.
41 Die halbe Violine, 97 f., ohne Auslassungen: „Wie groß war die Welt ausgespannt zwischen dem nie geschnittenen Wildgras, den Tausenden von Maiglöckchenblättern und dem Himmel, hinweg über das schwindelnde Neigen der Astspitzen. Gott, du bist bei mir. Der Schöpfer dieses Käfers (nie betrachtete Erhard diese Tiere genau oder hätte sie fangen wollen), Herr der Sterne (nie empfand Erhard den Trieb, sie zu benennen), Urheber der Liebe, die da drüben wohnt, in dem Haus, wo die Eltern wohl gerade den Mittagsschlaf beenden; schon steigt der saubere Holzrauch aus dem Kamin, bald gibts den Kaffee. Erhard springt vom Apfelbaum. Steil fällt der Hang zum Zaun. Erhard gleitet durch das hohe, harte Gras hinunter, umfaßt zwei Zaunlatten, sucht mit dem Daumen den tief im Holz versenkten kühlen Nagelkopf; schüttere Rinde schält sich in die Handflächen. Man muß sich manchmal festhalten. Oder plötzlich sinnlose Worte sagen, oder galoppieren. Vor Glück. Vor Einsamkeit. Vor Erwartung. Vor der Nähe Gottes.“
42 Joh 14,19
43 Erst nach der Trauerfeier machte mir Frau Dr. E. Huber ein erschütterndes Dokument der letzten Jahre Hermann Heimpels zugänglich und erlaubte mir, hier in Andeutungen darauf hinzuweisen. Sie fand auf dem Schreibtisch ihres Vaters die Broschüre „Der Kleine Katechismus Doktor Martin Luthers. Neubearbeitete Ausgabe 1986, Luther-Verlag Bielefeld“. Zahlreiche Unterstreichungen, Durchstreichungen und Randbemerkungen zeigen die Intensität der Lektüre wie auch der Auseinandersetzung mit dem Text. Das Dokument im ganzen bestätigt noch einmal, auf wie quälende Weise Hermann Heimpel am Ende seines Lebens mit den religiösen Grundfragen befaßt war.
Gleich auf das Titelblatt, also ohne Anhalt an einem Einzeltext, schrieb er: „Habe ich aber die Kraft, auf Gottes Gnade zu vertrauen?“ Neben den Credo-Satz vom Allmächtigen wird zweimal im Heft das Wort „Auschwitz“ gesetzt. Im Vaterunser ist wiederum die Bitte um Vergebung der Schuld als einzige durch dicke Unterstreichung hervorgehoben.
Der Dekalog wird wie in einem Beichtspiegel mit selbstkritischen Fragen kommentiert. Zum Gebot der Elternehrung: „Habe ich sie genug geehrt oder um ihren Tod mich gedrückt aus Feigheit?“ Neben Luthers Erklärung zum Gebot gegen falsches Zeugnis setzte er die Marginalie: „Scharfe Rezensionen zum eigenen Ruhm.“ Der Text der Erklärungen Luthers zum Vaterunser ist beinahe bis zur Unlesbarkeit unter- oder durchstrichen. „Gott gibt das tägliche Brot ...“, aber: „Hunger in Äthiopien“. In Luthers Erklärung der Bitte um Erlösung vom Bösen heißt es: „... und zuletzt, wenn unser Stündlein kommt ...“; Heimpel schrieb an den Rand: „Vor dem ich mich nicht drücken darf.“
Taufe und Abendmahl ließ er ganz unkommentiert, aber in Luthers Morgen- und Abendsegen finden sich wieder die Unterstreichungen, die in immer denselben Bereich verweisen. Einfach unterstrichen ist: „Und bitte dich, du wollest mir vergeben alle meine Sünden...“; doppelt unterstrichen ist (vielleicht, weil Hermann Heimpel auch hier noch von Luthers Sprachgewalt berührt war): „Und alsdann flugs und fröhlich geschlafen.“
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